verfasst von Sabine Brennecke
Es geht los!
Nach ziemlich langer Vorbereitung in Sachen Outdoorklamotten (wetterfest und schnelltrocknend), sowie Walkingstöcken, Rucksack und zusammenklappbarer Bürste, die noch am allerletzten Tag eintraf, ist es endlich so weit!
7.49h geht der Zug von Emmerthal in Richtung Hessen... Pilgern ist so was, wie Hape Kerkeling gemacht hat, nur in Kurzversion (8 Tage) und mit Gepäcktransfer. Weil es ja nicht der Jakobsweg, sondern nur der Lulluspfad ist, und man wahrscheinlich niemanden pilgernd auf der Reise trifft, gehen wir eben gleich mit 50 Personen los. Eigentlich kein Grund uns für durchgeknallt zu halten...
Urlaub? Wird es wie Urlaub sein? 160 km hört sich ziemlich weit an! Egal, jetzt haben wir alles all inklusiv gebucht, und also geht’s los! Mit zweimal umsteigen und eine halbe Stunde Busfahrt anschließend, sind wir rechtzeitig am Edersee angekommen und schauen uns ein bisschen in Herzhausen um. Das Dorfgemeinschaftshaus ist schnell gefunden und wir schleppen unsere Rucksäcke auf dem Rücken und die Tasche mit Schlafsack und Luftmatratze über der Schulter in den Vorraum.
Herzliche Begrüßung! Wir bekommen ein Namenschild zum an die Jacke tackern, sowie alle Anwesenden auch schon eins haben. Nur Sebastian nicht, der bleibt eigentlich bis zum Schluss namenlos! Auf dem Fußboden vor uns liegen bunte Hefte, von denen wir uns eines aussuchen. Blau für Lothar, rot für mich. Das ist sozusagen unsere Pilgerbibel mit Texten, Liedern, Abendmahlsliturgie und auf den letzten Seiten unsere Wegetappen, sowie die Namen aller "Angehörigen" der Reise.
Schon bevor es losgeht wird gesungen, und obwohl es zuerst ungewohnt ist, macht es einen Riesen Spaß und so wird es bleiben und sich auch noch steigern!
Die Presse ist gegen 15.00h bei uns und stellt Fragen wie: "warum wir pilgern". Ich habe auf der Stelle keine Antwort parat, aber 20 andere schon: Feline ist zum Beispiel auf der Suche nach Leichen im Keller!
Es gibt ein Gruppenfoto, Panoramahintergrund Edersee, dann geht es los! Ziemliche Steigung bei ziemlicher Hitze, Günter Törner und der Träger unseres blumengeschmückten Holzkreuzes vorneweg. Immer wieder zwischen den Bäumen des Kellerwaldes kann man einen schönen Blick auf die Eder und die Berge zu allen Seiten bewundern. Kleine Pause unter einer alten Linde.
Am Abend kommen wir in Altenlotheim an, ziehen singend in die Stadt ein, Richtung Bürgerhaus. Dort werden wir vom Bürgermeister begrüßt, der uns endlos lang einen Vortrag über den Ort und die 5km weiter weg liegende Kirche hält. Auch die zuständige Pfarrerin muss kilometerweit weg gewesen sein, sie wollte uns nicht empfangen wurde ziemlich viel später mal erwähnt...
Es gibt Bratwurst zum Abendessen! Ein Minigrill wird in Gang geschmissen und dann ohne Pause Würstchen gedreht! Dazu gibt’s Kartoffel- und Krautsalat. Wir sitzen auf Feuerwehrbänken und nehmen schon mal Kontakt nach rechts und links auf! Als Nachtisch hat Lydia einen Eimer voll Mirabellen von ihrem Vater mitgebracht, der die Runde macht.
Vor dem Haus ist ein Brunnen, der kein Trinkwasser enthält, aber in dem man wunderbar die Füße erfrischen kann, was wir dann auch abwechselnd tun, weil immer nur ca. 8 Personen im Kreis auf dem gemauertem Rand Platz haben, und auch das Wasser so klirrend kalt ist, das die Zehen schrumpfen! Im Bürgerhaus wird anschließend der erste Abendmahlgottesdienst gefeiert.
Mit dem Buch in der Hand stehen wir in der Runde und verfolgen aufmerksam wie alles abläuft, schließlich wollen wir dazugehören!
Uda erzählt die Geschichte aus der Bibel, in der ein reicher Mann all sein Hab und Gut verkauft um eine einzige Perle zu besitzen, das kostbarste, was er sich vorstellen kann. Dann reicht sie ein Kistchen in die Runde, in der viele kleine Perlen liegen. Jeder von uns nimmt sich eine davon und fädelt sie auf ein Bändchen, um es als etwas Kostbares bei sich zu tragen.
Uda ist auch Dopingexpertin. Sie gibt Vorsorgetipps, uns mit genügend Magnesium, Natrium, Kalium und Vitaminen zu versorgen, und natürlich die Füße, das Wichtigste unseres Körpers gut zu pflegen! Ich bin sprachlos, als sie den Inhalt der Taschen und Köfferchen auf dem Tisch ausbreitet.
Lothar meldet schon mal im Voraus eine Fußreflexzonenmassage für den nächsten Tag an, wird aber nie eine bekommen, weil das Potential an kaputten Füßen doch erstaunlich hoch ist! Luthers Abendsegen, Seite 1, und alsdann flugs und fröhlich geschlafen! So endet der erste Tag. Zum über das Gewesene Gedanken machen bin ich zu müde, gute Nacht!
05.08.07
Allgemeines Aufwachen gegen 5.30h
Ein einziges Waschbecken für uns alle zum Zähneputzen, die Wartezeit kann man sich gut mit Schlafsack und Isomatte zusammenpacken vertreiben!
7.00h im gleichen Raum: Stühle und Tische stehen, wo eben noch unser Schlaflager war. Ich bin beeindruckt, wie schnell wir alle sind!
Luthers Morgensegen wird stehend gesprochen und dann das Buffet gestürmt: Nusspli ist der Renner, aber auch Mettwurst- und Schinkenbrote werden schon mal verputzt. Schließlich ist heute die erste lange Strecke vor uns.
Zum Tischdecken war ich noch zu müde aber Abräumen und Spülen helfen geht schon mit ein paar Tassen Kaffee. Ute ist die Küchenmanagerin, und das macht sie supergut!
8.00h Aufbruch, 8.15h Impuls I
Jeden Tag bekommen wir Impulse, das Leitungsteam hat sich zum Thema "Vater unser" Gedanken gemacht und gibt uns Anregungen zum Nachdenken. Das passiert, wenn wir ein Weilchen gegangen sind. Wir sammeln uns, bilden einen Kreis und bekommen Heute die Fragen zum ersten Teil des Gebets "Geheiligt werde dein Name":
-Woher habe ich meinen Namen?
-Was verbinde ich mit meinem Namen?
-Welches ist für mich der Name Gottes?
Von jetzt an wird eine Stunde schweigend gelaufen. Es ist so still, das das Aufsetzen der Walkingstöcke schon ein bisschen störend empfunden wird.
5km später, mitten auf einer Anhöhe im Wald die neu erbaute Kapelle, von der uns der Bürgermeister erzählt hatte. Quernst heißt dieser Ort. Ich bin begeistert von dem Gebäude. Ein Hirte, der seinen Mantel schützend über das Haus legt.
Ein einziges buntes Fenster wird von der Sonne angestrahlt, so dass eine wunderschöne Spiegelung auf dem Dach erscheint. Wir lehnen unser Kreuz an die Wand und verteilen uns rings um die Kapelle.
Jetzt sitzen wir zu fünft oder sechst zusammen und tauschen uns aus über das heutige Thema. Es ist interessant, wie alle dazu stehen und wie verschieden wir doch sind, nicht nur, weil wir einen unterschiedlichen Namen tragen!
Singend geht es weiter!
Das Laufen fällt leicht, die Sonne scheint und alle sind gut gelaunt!
An einer schönen Lichtung machen wir unsere Mittagspause und vertilgen, was wir uns als Proviant eingepackt haben. Den Ort hat unser Versorgungsteam ausgesucht. Ein kaputter Stacheldrahtzaun, über den wir vorsichtig rübersteigen wir später von den beiden (Christoph und Reinhard) so instand gesetzt, als wäre er am ersten Tag gebaut.
Danach gibt es eine Nachmittagsgymnastik, die Uda vorturnt: 8ten schreiben mit dem Bauch, eine Sache, die ich noch nie gemacht habe, mein Bauch auch nicht, darum unterhält er sich auch fleißig mit mir, obwohl wir eigentlich schweigend nach Impuls II gehen sollen!
"Heilige Momente im Leben" schwierige Sache, kann nicht wirklich viel darüber nachdenken, weil es mir mit meinem Bauch nicht wirklich gut geht. Dann kommt noch dazu, dass die meisten Toiletten auf einer Pilgertour im Wald hinter verschiedenen Bäumen sind. Man stellt Stöcke und Rucksack am Wegrand ab, und schlägt sich ins Gebüsch. Tolle Nachmittagsbeschäftigung!
So gelangen wir um ca. 14.30h durch Gellershausen. In dem Örtchen ist ein Riesentumult: Festumzug! Wir werden doch schon ein wenig erstaunt angesehen, als wir schweigend die geschmückten Straßen kreuzen und wieder Richtung Wald verschwinden!
Kurz darauf suchen wir uns ein nettes Plätzchen und tauschen unsere Gedanken aus.
Dann laufen wir schnurstracks auf Reinhardshagen zu und werden dort im Kurpark erwartet.
Die Vikarin des Ortes empfängt uns mit selbstgebackenem Brot und Salz. Sie begleitet uns, zusammen mit einer Frau, die Mitglied der Gemeinde ist, bis zu unserer Unterkunft.
Bad Wildungen ist unser Ziel, und die beiden Orte sind durch den Kurpark, der im letzten Jahr Landesgartenschau war, verbunden.
Wir kommen an der Kurhalle vorbei und müssen erst mal unsere Aldi-Pfandflaschen mit Quellwasser auffüllen.
Das ist auch die Gelegenheit die Toilette zu stürmen! Vermutlich war die Damentoilette noch nie so überbevölkert wie an diesem Sonntag!
Um ca. 17.30h kommen wir an unserem heutigen Tagesziel an: das Martin Luther- Haus.
Unsere beiden Begleitfahrzeuge sind auch schon dort, also klauben wir schnell unsere Taschen aus dem Auto, packen den Rucksack um: Brotdose raus, Badeanzug und Handtuch rein. Die Wanderschuhe werden möglichst draußen deponiert, weil sie doch schon eine ziemliche Geruchsbelästigung sind. Und auf gehts in bequemen Latschen und gutgelaunt der Erfrischung im Schwimmbad entgegen! Unsere Fahrer haben einen Sonderpreis für uns ausgehandelt, wir müssen uns nur als Pilger outen, aber das brauchen wir gar nicht, wir werden bereits von Weitem schon als diese erkannt...
Herrlich im Schwimmbad füßestrampelnd im Wasser zu liegen! Allerdings nur kurz, weil das Gebäude in den Umbauarbeiten steckt, gibt es nur drei Duschen bei den Damen. An Schlangen sind wir inzwischen gewöhnt!
Zum Haarfönen reicht die Zeit nicht wirklich, aber das ist kein Problem, dafür ist man frisch und fit.
5 Minuten Fußweg und die Glocken läuten schon, da ist keine Zeit mehr, den Rucksack im Gästehaus zu verstauen, wir gehen direkt zur Stadtkirche.
Beim Hineintreten werde ich von einem Gemeindemitglied gefragt, ob ich mit meinen bunten Latschen den ganzen Weg laufe!
Wieder halten wir unseren Abendmahlgottesdienst. Die Kirche ist sehr groß, aber nicht besonders gut besucht. Christiane und Ingrid sind heute Abend zu unserer Gruppe gestoßen und es gibt eine herzliche Begrüßung vor der Kirche.
Um 20.30h treffen wir uns zum gemeinsamen Abendessen im Martin Luther- Haus. Es gibt Hochzeitssuppe und ganz leckere Dinkelbrötchen mit Rosinen, von denen ich nicht genug bekommen kann. Trotzdem hole ich mir von Uda homöopathische Kügelchen gegen mein Bauchrumpeln. Wir probieren erst mal eine Sorte aus, um vielleicht am nächsten Morgen noch auf ein anderes Mittel zu wechseln. Wird aber nicht nötig, weil Uda genau das Richtige verordnet hat...
Heute Abend werden wir sehr liebevoll bewirtet. Wir brauchen nicht abzuwaschen, welch ein Luxus!
Die Vikarin hat Urlaub und möchte uns am nächsten Morgen gerne Frühstück bereiten, und einen Tag mitpilgern. Darüber freuen wir uns mit einem Riesenapplaus!
Um 22.00h ist Feedback: Alle sitzen in einer großen Runde und können über Positives oder Negatives des Tages ihr Herz ausschütten.
Anschließend werden Blasen versorgt. Ich schaue noch ein bisschen unserer Jugend über die Schulter, die jeden Abend über das Tagesgeschehen einen Bericht an die Zeitung via Internet schickt. Ein paar Fotos werden ausgesucht, und dann geht die Post ab. So erscheint täglich ein Artikel in den regionalen Blättern über unseren Trip. Eine tolle Sache, vor allen Dingen, wenn man in manchen Orten schon begrüßt wird mit: "Ich hab´ heute schon was in der Zeitung über Euch gelesen."
Es ist schon wieder fast Mitternacht und so wird’s Zeit ins Bett (Schlafsack) zu kommen. Bisweilen teilen wir uns in zwei Räume auf, wobei einer der "Raum der Stille" ist, was bedeutet, das dort möglichst leise und ohne Nebengeräusche geschlafen werden sollte. Lothar und ich sind da eher nicht so anspruchsvoll, wo Platz für uns ist, wird das Nachtlager eingerichtet.
SB
06.08.07
Wach werden wir kollektiv,
wenn es nebenan rumpelt, ist der Schlaf beendet. Pilgerweckdienst!
Frühstück mit einem Superbuffet: Müsli, Quark, Honig; alles was das Herz begehrt! Es gibt sogar ein gekochtes Ei mit auf den Weg! Wir schmieren uns Brote, füllen unsere Trinkflaschen auf, packen noch ein wenig Obst dazu und versammeln uns vor der Haustür: Der Pfarrer begrüßt uns. Er war für eine Woche nicht da, und freut sich, uns noch einen guten Weg zu wünschen. Als Dankeschön unsererseits gibt es für jede Gastgemeinde eine Kerze, die liebevoll dekoriert ist mit getrockneten Blüten und den Worten: Pilgern auf dem Lulluspfad 2007
Dann geht es wieder weiter, die nächste Etappe, Richtung Jesberg. Kirsten, unsere Vikarin ist mit dabei, und ihr Rucksack, der einen Klapphocker integriert hat. Ein Modell, auf das wir alle neidisch sind, und auch die eine oder andere Sitzprobe tätigen dürfen!
Heute hat unsere junge Truppe die theologische Leitung des Tages.
Impuls I: "Dein Reich komme"
Es war recht schwer, sich am Thema zu orientieren. Schweigend sind wir durch eine wunderschön, verwunschene Bachlandschaft inmitten eines schönen Waldes gelaufen. Immer das Rauschen des Wassers und unsere Schritte im Ohr!
Beim anschließenden Austausch bemerkten wir alle, dass dieser Satz im Gebet schon recht unfassbar ist.
Noch ein kleines Stück Waldweg hinab mit Blick auf das nächste Dorf treffen wir auf unser Verpflegungsteam. Allgemeine Freude und Jubel! Schließlich haben wir die erste Hälfte des Tages hinter uns gebracht und können bei schönstem Sonnenschein auf einer extra für uns vom Bauern gemähten Wiese Rast machen. Wir sitzen verstreut an einem Bachlauf unter Bäumen und genießen die Mittagspause. Als Highlight gibt es leckere Bauer-Joghurts und Radieschen, Möhren, Äpfel! Beim Schuhausziehen entdecke ich meine erste Blase! Die Pflaster, die täglich in meinem Rucksack mitpilgern, kommen jetzt endlich zum Einsatz. Aber erst, nachdem ich die Zehen in dem kalten Bach gebadet habe!
Auf unserer Tschibo-Picknickdecke, die von nun an Pilgerdecke heißt, liegen wir und dösen vor uns hin. Am liebsten könnte die Zeit still stehen, aber wir müssen weiter.
Impuls II: Wir bekommen von Konny eine Kopie auf der eine Abbildung zu sehen ist. Erneutes Schweigen.
Wir durchwandern das Örtchen Bergfreiheit, sehr idyllisch, so wie der ganze Tag. Nach dem Aufheben des Schweigens, und dem in Gruppen zusammensitzen und über das Thema diskutieren, bei dem niemand wirklich weiß, wie er die Kopie interpretieren soll, gehen wir noch eine Strecke gemeinsam und kommen in Jesberg an. Ein ganz herzlicher Empfang vom Pfarrer, seiner Frau und Johanna, dem 2monate jungen Baby.
Ein ganz neu renoviertes Gemeindehaus für uns zum Einfallen... Eine Damen-, eine Herren- und eine Behindertentoilette mit je einem Waschbecken. Aber wir sind einfallsreich. Im Garten gibt es einen Schlauch, der installiert wird, eine Babywanne, mehr brauchen wir nicht. Schon stehen wir in Badehose und Bikini auf dem Rasen und erfrischen uns!
Zum Abendgottesdienst in der wunderschönen Kirche begleitet uns der Pfarrer mit Gitarre zu unseren Liedern aus dem Pilgerheft. Das Singen macht wieder einmal einen riesigen Spaß! Sehr viele Menschen aus der Gemeinde feiern mit uns das Abendmahl, und begleiten uns anschließend in den Pfarrgarten, wo wir an einer riesiglangen Tafel zusammen zu Abend essen. Es gibt Bratwurst und jede Menge Salate, die extra für uns vorbereitet worden sind. Wenn wir nicht schon vorher den Ruf hatten, wie Ausgehungerte über alles herzufallen, dann spätestens ab heute! Die Salate sind vertilgt, bevor die erste Bratwurst den Grill verlässt... Aber es gibt lecker Brötchen dazu, und wir lassen eigentlich nur aus Höflichkeit nichts übrig!
Lydia, unser Geburtstagskind spendiert Prosecco. (Ziemlich viel Flaschen sammle ich am nächsten Morgen zusammen!) Sie bekommt einen Ehrentanz mit Reinhold, zu dem wir im Kreis stehend, wie bei einem Hochzeitswalzer klatschen. Zu späterer Stunde werden Windlichter auf die Tische verteilt, und ein älterer Herr holt sein Akkordeon hervor. Alte Volkslieder werden angestimmt: "Lustig ist das Zigeunerleben" singe ich noch mit, aber dann ist es für mich wirklich Zeit ins Bett zu gehen!
Noch im Schlafsack liegend nehme ich die ausgelassene Stimmung im Garten war, aber wegen Ober-Übermüdung nur für Bruchteile einer Minute...
SB
07.08.07
Aufstehen und Lage peilen
Die Behindertentoilette ist frei, auch wenn das Waschbecken tiefliegend ist, und ich eher meine Knie sehe, als mein Gesicht, ist es zum Zähneputzen völlig o. k.
7.00h Frühstück. Es wird im Garten gedeckt, das Fenster der Küche im Gemeindehaus ist die Essensausgabe. Es gibt selbstgemachte Marmelade, die wir nur zögerlich von Tisch zu Tisch reichen! Kirsten hat sich entschieden, den Weg bis zum Ende mit uns gehen, und bekommt, wie auch Christine und Ingrid, die nicht von Beginn dabei waren, eine Perle von Uda überreicht. Stella verlässt uns. Sie ist, wie wir, ein bisschen bedrückt, dass dieser Weg nicht ihr Weg ist. Reinhold ist gestern Abend abgeholt worden, weil es seiner Mutter nicht gut geht.
Wir haben uns viel zu erzählen und wollen nicht wirklich den schönen Platz unter den Apfelbäumen und die Gastfreundschaft verlassen!
Es ist schon 8.30h als wir aufbrechen, Stella winkt uns.
Ute und Günter haben heute die Leitung, der Himmel bewölkt sich und kurze Zeit später setzt Nieselregen ein. Trotzdem sind wir gut gelaunt auf unserem Weg.
Impuls I "Dein Wille geschehe" und wie wir es empfinden.
Schweigen.
Gegen 11.00h Pause und fröhliches Mischen. Unter einem Baum sitzend sehe ich Kirsten mit ihrem Klapphocker auf einem Stoppelfeld sitzen und Elisabeth hat sich einen Strohballen organisiert. Wir tauschen wieder einmal unsere Gedanken aus, essen und trinken eine Kleinigkeit und genießen.
Dann ist wieder aufsitzen angesagt, es geht noch ein paar Kilometer bis zu einem wunderschönen Rastplatz mitten im Wald. Eine Holzhütte, Tische und Bänke davor, Hortensien als Bepflanzung. Total idyllisch!
Diesmal hat unser Verpflegungsteam Apfel- und Quarkkuchen organisiert. Eine nette Überraschung!
Heute verkürzen wir die Mittagspause, weil es doch zu feucht zum Verweilen ist, schade... Also, Aufbruch. Noch mal marschieren, wieder Impuls: es war zum gleichen Thema, leider sind die Fragen dazu so in den Hintergrund gerutscht, das ich mich nicht mehr erinnern kann.
Aber an den weiteren Verlauf umso mehr.
An einer Waldlichtung taucht plötzlich ein Fahrradfahrer auf, von dem wir angesprochen werden. Bis zum nächsten Ort wäre es nicht mehr weit, gut zu wissen! Einige Minuten später steht er erneut am Straßenrand, diesmal erzähle ich ihm, das wir es nicht mehr weit haben, er pflichtet mir bei. Es macht den Eindruck, als wäre sein Fahrrad kaputt, da schwingt er sich auch schon auf seinen Sattel und fährt davon...
Seltsame Begegnung, denken wir alle, bis wir den Ort erreichen. Die Kirchenglocken beginnen zu läuten, als wir am Ortsschild von Groß-Ropperhausen singend vorbeimarschieren und da steht er wieder: er gehört zum Kirchenvorstand und begrüßt uns ganz offiziell, begleitet uns noch ein Stück zum Sportheim. Dort angekommen, wird berichtet, dass das Schwimmbad extra für uns geöffnet wurde und wir auch dort die Duschen benutzen können. Tosender Applaus!!! Und schon werden wieder die Taschen aus dem Auto geladen und Schuhe gewechselt, sowie Kulturtasche und Handtuch gezückt. Zum Schwimmengehen ist mir zu wenig Sonne an diesem Abend, aber eine Dusche- welch ein Luxus!!
Mit 30 Frauen stehen wir vor 4 Duschen, es klappt wie am Schnürchen: Während die ersten schon mal die Haare einseifen, können die nächsten sich schon mal mit Wasser benetzen. Deo, frische Unterwäsche und man ist wie neu geboren!
So kommen wir wieder mal mit nassen Haaren zum Gottesdienst. Gut gelaunt feiern wir zusammen mit der Gemeinde das Abendmahl. Die Orgelmusik, heute ganz peppig, kommt von unserem Fahrradfahrer über die Empore geschallt!
Wir teilen frisches Brot und trinken Rotwein aus dem Kelch.
Anschließend im Sportheim herzliches Beisammensein mit den Bewohnern des Ortes, die uns das Abendessen vorbereitet haben. Sie freuen sich, dass es uns so schmeckt. Wir stehen wie immer Schlange vorm Buffet, vertreiben uns aber heute die Zeit, indem wir unserem Vordermann die Schultern massieren! Wer will da nicht Schlange sein!
Das heutige Feedback machen wir um 21.00h zusammen mit unseren Gastgebern, die auch ein Statement abgeben dürfen. Es sieht so aus, als freuten sich alle über den schönen Tag! Euphorisch wird es noch einmal, als uns mitgeteilt wird, dass helfende Hände des Ortes am nächsten Morgen das Frühstück für uns bereiten würden!
Heute ist es soweit: auch wir schlafen in der Kirche! Haben uns den Platz vor dem Taufstein ausgesucht, Kopf an Kopf und als Unter-Unterlage zwei Auflagen von den Kirchenbänken. Und in der Kirche zu schlafen ist so etwas Besonderes, das man es nicht beschreiben kann. Die Atmosphäre ist trotz Schnarchgeräuschen, wie geborgen sein, behütet!
SB
08.08.07
6.00h wecken! Keine Sonne, nur Nieselregen, schade!
Ein Waschbecken in der Schule nebenan, und ein Waschbecken im Sportheim. Und wegen Vollstau etwas verspätetes Frühstück. Außerdem müssen ziemlich viele Füße verpflastert werden!
Wieder Brötchen, selbstgemachte Marmelade, Kiwi, Melone, Banane, Müsliriegel; was wir nicht mitnehmen, wird im Verpflegungsbulli verstaut, es ist wie im Schlaraffenland. Jeden Tag denkt man, besser kann es gar nicht mehr werden, und immer werden wir wieder neu überrascht!!!
Nach dem Verabschieden geht es wieder auf den Weg. Heute ist ein sehr Schneckenreicher Tag...
wir wollen den Knüll überqueren. Leider ist so schlechtes Wetter, das die Pausen nur kurz ausfallen! Auch der Impuls "unser tägliches Brot gib uns heute" wird ohne Zusammensitzen, sondern im Gehen ausgetauscht.
Dafür sind wir schweigend gut zu fuß, und auch schnell unterwegs. Mitten im Wald wegen Kyrill-Räumungsarbeiten sehen wir einen Förster in Gummistiefeln in einer Schlammspur dahinwaten. Ute geht vor, spricht ihn an. Plötzlich sieht er 50 Personen und zuckt dermaßen zusammen... Was so ein Schweigen doch ausmacht!!!
Es ist kein Weiterkommen auf diesem Weg, wer hat den Förster genau zu diesem Zeitpunkt hierher geschickt und uns den neuen Weg gehen lassen?
Endlich kommen wir trotz allen Umwegen auf dem Eisenberg an und machen an einer Wanderraststädte unsere Mittagspause gegen 13.30h.
Eine richtige Toilette, auch wenn wir 50Cent bezahlen müssen, weil wir nichts verzehren!
Drinnen in der Gaststätte sitzt Reinhold mit seiner Familie, seiner Mutter geht es wieder besser, und er kann den Weg mit uns wieder fortsetzten.
Dafür ist Elisabeth mit ihren Schulterschmerzen nicht mehr in der Lage mitzulaufen, sie wird mitgenommen, wohnt nur unweit entfernt, und kann sich ausruhen!
Weiter geht es nach der Pause durch dichten Nebel: Lothar mit Warnweste vorneweg, um den Verkehr auf der Straße auf uns aufmerksam zu machen. So pilgern wir noch einige Kilometer bei Nieselregen nach Obergeis.
Der herzliche Empfang im Pfarrhaus lässt uns alles vergessen. Kaffee, Tee und selbstgebackenen Kuchen: wir atmen wieder auf!
Unsere kaputten, nasse Füße pellen wir aus den Schuhen und stopfen diese mit Zeitungspapier aus, das Kartonweise auf uns wartet!
Ein sehr schöner Gottesdienst am Abend mit Abendmahl folgt. Lothar und ich sind life dabei. Wir lesen Seite 42 gemeinsam vor der Gemeinde, für uns eine sehr wichtige Erfahrung!
Direkt nach dem Gottesdienst suchen wir uns wieder einen Schlafplatz. Diesmal hinter dem Altar. Wir legen schon mal die Auflagen der Kirchenbänke als Unterlage zur "Reservierung" bereit. Das wird Thema des heutigen Feedbacks werden, denn ich war mit dabei! Peter hat angesprochen, das es ein regelrechtes Gerangel um die "besten Plätze" zu Schlafen gibt, und ob man da nicht Abhilfe schaffen kann...
Uda hat dazu nur erzählt, das gleich, als sie aus der Kirche gehen wollte, und die Gemeinde bemerkt hat, wie sehr wir an den Auflagen interessiert sind, die letzte Reihe der Kirchenbesucher schon von sich aus die Unterlagen von ihren Bänken genommen haben, um sie Uda zu reichen!
Zum anschließenden Abendessen gibt es Nudeln mit Mettsoße, lecker!!!
Direkt danach machen wir unser Feedback und darauf folgend bereitet der Pfarrer eine Leinwand vor, um uns seinen Film von den Kirchenaktivitäten des letzten Jahres zu zeigen. Es ist wahrscheinlich ziemlich interessant, aber wir sind alle zu müde, dem Geschehen zu folgen.
Anschließend noch ein paar nette Gespräche, unter anderem mit Günter über die Situation in der Haller Kirchengemeinde.
Mit vielen Gedanken im Kopf gehe ich schlafen, behütet unter dem Dach der Kirche.
SB
09.08.07
Heute ist das Frühstück auf 8.00h angesetzt. Wie Urlaub!
Es gibt lecker Frühstück mit Cornflakes und was man sich sonst noch so wünscht!
Wir helfen beim Abräumen und Spülen. Ich melde die Küche als "Abmarschfertig hinterlassen" und auf geht es!
Es regnet vor sich hin, aber es stört uns noch nicht wirklich!
Marieluise war in der Dunkelheit vor der Kirche gestürzt und wird zum Krankenhaus gefahren, um sicherzugehen, dass nichts gebrochen ist. Sie stößt später wieder zu uns, es ist nur geprellt, und um gegen die Schmerzen etwas zu unternehmen haben wir unsere Uda.
Alle anderen sind guter Dinge und gehen trotz des schlechten Wetters singend voran.
Bis zum 1. Impuls: "Vergib uns unsere Schuld"
Schwierige Sache, wir bekommen einen Stein in die Hand, den wir für Stunden festhalten und nicht loslassen!
"Welche Schuld lastet auf mir?"
"Ist jemand anderer an mir schuldig geworden?"
"Kann ich vergeben?" Nach über einer Stunde schweigen endlich der Austausch. Nicht, das wir uns alle unbedingt mitteilen wollten, aber das Schweigen ist noch nie so schwer gefallen wie heute, und der Stein wurde noch dazu immer schwerer!
Regen die ganze Zeit, darum kein Austausch während einer Pause, sondern nur mit einem Partner unserer Wahl (ich hatte zufällig oder gerade wie eine Fügung Stefanie neben mir stehen) ein kurzes Gespräch über das Thema. Jeder versucht seine "Schuld" in ein einziges Wort zu fassen und schreibt dieses wasserfest auf seinen Stein. Dann werden die Steine mit dem Gegenüber ausgetauscht, und dazu die Geschichte dieses einen Wortes vorgetragen. Jeder hört sich an, was der Partner zu sagen hat, gibt aber keinen Kommentar dazu ab, um dann schweigend mit dem Stein des anderen weiter zu gehen.
Ganz schön schwierige Sache, Steffi und ich hatten jetzt nicht so extrem belastende Probleme und haben festgestellt, dass wir doch jeder auch mal in dieselbe Situation des anderen geraten sind...
Die Mittagspause findet unter einem trockenem Dach im Aquariumvereinsheim mit Außenterasse statt. Das hat unser Verpflegungsteam für uns organisiert, vielen Dank!
Dann gibt es den zweiten Austausch. Erstaunlicherweise bin ich trotz Stein in der Hand und mit ohne Stöcke superschnell unterwegs heute, alles fällt mir leicht, trotz bedrückendem Thema und miserablem Wetter! Dies ist mein Weg. Das habe ich schon den ganzen Tag über gedacht, und werde ich auch heute Abend beim Feedback vorbringen!
Auf unserem Lulluspfad kommen wir direkt über den Frauenberg an einer kleinen Kapelle vorbei. Ein Kollege von Günter, der auch im selben Institut wie er gearbeitet hatte, empfängt uns. Nach einem leckeren Pfefferminztee und Waffeln wird uns aus dem Leben des heiligen Lullus und seinem Wirken erzählt. Das ist jetzt genau der Moment, in dem wir eigentlich nur die Seele baumeln lassen wollen. Viele versuchen trotzdem zuzuhören, auch wenn es sehr schwer fällt.
Es fällt auch schwer, wieder aufzubrechen und weiterzugehen. Zuerst müssen wir den Zuweg zur Kapelle noch einmal runter- und dann hochgehen, weil die Presse gern ein Foto von uns machen möchte! Schwups hat Nikolaus sich das Kreuz geschnappt und geht strahlend voran, wir anderen schleppen uns eher hinterher... Am nächsten Tag in der Zeitung erscheint ein netter Artikel mit Bild, da hat sich der Aufwand doch gelohnt!
An unserem heutigen Ziel Bad Hersfeld sind wir bereits angekommen. Aber der Ort ist nicht gerade klein, und so durchlaufen wir noch eine ganz schöne Strecke, inklusive Friedhofsüberquerung, bis wir in die Stadtkirche einziehen.
Dort bekommen wir ein paar kurze Begrüßungsworte vom Pfarrer zu hören, der uns dann in das Gemeindehaus begleitet.
Es gibt Kekse, Kaffee und Tee. Wir verschnaufen uns von dem anstrengenden Tag. Wir könnten auch schwimmen gehen in der nahe gelegenen Therme, aber für heute hatten wir genug Wasser, also lehnen wir dankend ab.
Um 19.00h sind wir gemeinsam in der Kirche und halten Gottesdienst im Chorraum. Ute vermittelt uns den Tag noch einmal in sehr eindrucksvollen Worten! Auch die Pröpstin ist Gast an diesem Abend, sowie beim anschließenden Abendessen und Feedback. Sie ist beeindruckt von unserem Weg. In unserer abendlichen Runde kommen erschreckende Gedanken und eine bedrückende Stimmung, die schon über den ganzen Tag herrschte noch einmal extrem an die Oberfläche.
Brigitte erzählt uns das Märchen vom heilenden Wasser. Es tut gut einfach nur zuzuhören, und es ist, als wäre man selbst verzaubert von der Geschichte.
Adrian spielt Klavier und mehr und mehr von uns gesellen sich zu den klangvollen Tönen. Sitzen nur da und genießen die Musik.
So ist der Abend doch noch harmonisch dem Ende entgegen gegangen.
Es gewittert und regnet in Strömen. Am Liebsten würde ich heute im Gemeindehaus bleiben, aber unser Gepäck ist schon in der Kirche, also müssen wir noch dorthin. Der Weg ist nicht gerade kurz, wir krempeln unsere Hosen hoch und rennen drauf los! Klitschnass kommen wir an, die Blitze zucken und erleuchten die farbigen Kirchenfenster.
In den Schlafsack krabbeln und schlafen, mehr ist heute nicht drin... Gute Nacht!
SB
10.08.07
Die Sonne blinzelt durch die Wolken
Umgeben von Fenstern, die in allen Farben dem Morgen entgegenleuchten, wachen wir auf. Die Sonne blinzelt durch die Wolken und nur die Pfützen sind übrig vom gestrigen Regentag.
Zum Frühstück im Gemeindehaus müssen wir über den Marktplatz, an dem gerade alle Stände für den Verkauf aufgebaut werden. Lothar ist der Meister aller Schlüssel und muss Kirche und Pfarrhaus abschließen, ist deshalb etwas später dran. Elisabeth ist wieder da und hat frische Brombeeren für alle mitgebracht.
Sonst gibt es ein Frühstück, dem an nichts fehlt: wie in einem Sternehotel! Womit haben wir das verdient?
Vor dem Gebäude versammeln wir uns kreisförmig um unser Körpergebet gemeinsam zu sprechen und bewegen.
Du Geist des lebendigen Gottes
- erfrische mich wie Tau am Morgen
- öffne mich
- fülle mich
- forme mich
- brauche mich
Maria, Henriette und Ingrid verlassen uns heute, verabschieden sich in unserem Kreis von allen und werden von Reinhold und Christoph zum Bahnhof gebracht.
Schon geht es wieder los. Es sieht aus, als würde es wieder schön! Wir sind einen ziemlich langen Weg durch die ganze Stadt unterwegs und werden ein stückweit von hundeausführenden Menschen begleitet. Auch von Balkonen winkt man uns entgegen. Dann lassen wir den Ort hinter uns und es geht bergauf. Unsere erste Pause ist auf dem Bad Hersfelder Berg. Ein wunderschöner Blick über die Stadt! Unsere Kirche ist schon in beachtlicher Entfernung!
Ein neuer Impuls:
"Und führe uns nicht in Versuchung sondern erlöse uns von dem Bösen"
Bilder werden ins innere Auge projiziert: - 11. September
-Tsunami
-Auschwitz
und die Frage, wann wir in Versuchung waren, Gottlos zu werden?
Was hat uns zurückgeführt und gestärkt?
Mit ziemlich bedrückter Stimmung laufen wir drauflos. Die Sonne scheint zunehmend, und wir laufen schweigend und nachdenkend...
Pfützen, überschwemmte Wege, die teilweise umgangen werden müssen.
Plötzlich teilt sich die Gruppe! Hinter uns sitzt Peter am Boden und ist umringt von ca. 20 Mitpilgern. Vor ihm kniet Uda und verarztet seine Stirn. Er war volles Brett vor ein Verkehrsschild gelaufen, und hatte eine recht beachtliche Beule am Kopf! Nach einigen Minuten hat es den Anschein, er genießt diese besondere Aufmerksamkeit, und es geht ihm schon viel besser! Er wird angehalten in gewissen Abständen homöopathische Kügelchen zu nehmen und seinen Rucksack muss er auch für eine Weile nicht tragen. Dann kann´s ja wieder weiter gehen!
Ein Austausch wird erst nach der Mittagspause kommen, darum machen wir nur eine kurze Rast an einer Weggabelung, stimmen mehrheitlich dafür noch ein Stück weit zu gehen.
Für Nikolaus ist es heute ein besonders schwerer Tag! Das heutige Thema macht ihm sehr zu schaffen, außerdem ist er kräftemäßig ziemlich am Ende. Ich gebe ihm meine Stöcke, damit er mehr Anschwung hat. Und es wirkt wie ein Wunder: Er läuft sogar in der Pause, weil es ihm einen riesen Spaß macht. Brigitte überlegt, ihm ein paar Stöcke zum Geburtstag zu schenken, das finde ich eine tolle Idee!
Endlich treffen wir auf unser Versorgungsfahrzeug mitten im Wald an einer Hütte mit Feuerstelle. Wieder einmal gibt es Kuchen als Überraschung! Erst danach ist der Austausch. Kathrin und ich allein unter Männern, das ist das erste mal! Vielleicht weil das Thema so aufreibend ist, schweifen wir etwas ab, aber es ist gut so.
Während des weiteren Weges üben wir fleißig mehrstimmig das "Vater, unser Vater", auch den Kanon "Magnifikat". So ist der Weg und das Ziel schnell erreicht:
Glockengeläut empfängt uns beim Ankommen in Schenklengsfeld! Wir werden vom Pfarrer in seiner wunderschönen Kirche begrüßt.
Er begleitet uns zum Dorfgemeinschaftshaus, das nur unweit entfernt ist. Dort ist im Eingang eine Gästetafel mit Zeitungsausschnitten unserer Pilgertour und einem Artikel aus dem Gemeindebrief des Ortes. Alle verewigen sich auf dem Blatt.
Wir dürfen kostenlos das Schwimmbad nutzen, und das wird natürlich auch in Anspruch genommen! Der Weg dorthin führt direkt an einer uralten Linde vorbei, die inmitten alter Fachwerkhäuser steht. Leider ist die Zeit zum Verweilen wie immer zu kurz...
Wieder betreten wir frisch und fit, dank der Duschen, um 19.00h die Kirche.
Viele Gemeindemitglieder feiern mit uns das Abendmahl und begleiten uns anschließend zum Essen. Wir sitzen gemischt an runden Tischen, die liebevoll dekoriert sind. Es gibt Leberkäse und eine riesen- Auswahl an Salaten!
Nach dem Austausch zu später Stunde sitzen wir noch lange draußen vor der Tür auf einer Bank und lassen den Abend ausklingen. So kommen wir wieder einmal erst nach Mitternacht zum Schlafen. Eigentlich sind die Tage immer zu kurz!
Heute Nacht liegen wir zusammen mit Ingrid auf der ersten Empore, direkt vor der Orgel. Kurz vorm zu Bett gehen vertilgen wir noch ein Stück "Ahle Worscht", die Jonas von seinem Vater besorgen lassen hat. Hessische Spezialität, und oberlecker!
SB
11.08.07
Als wir aufwachen scheint nicht gerade die Sonne.
Es ist der letzte Pilgertag, und niemand will wirklich, dass er beginnt...
Eigens für uns gebackene Holzofenbrötchen vom Bäcker in Schenklengsfeld gibt es zum Frühstück. Leberkäse ist auch noch genug da um eine echte bayrische Semmel mit auf den Weg zu nehmen!
Ungefähr an diesem Tag muss mir mein Handtuch abhanden gekommen sein. Da haben wir unsere beiden Fahrer, die immer sehr aufmerksam alles nach unserem Aufbruch kontrollieren - Stringtanga und BH finden - auch schon mal eine Regenjacke zur Versteigerung preisgeben, die eben gerade noch einem Gemeindemitglied des Ortes gehörte, und einfach an der Garderobe abgelegt wurde...
Zeitverzögert ohne Ende, ich kann gar nicht genau sagen, wann wir den Aufbruch geschafft haben, geht es bei ziemlich bedecktem Himmel unserem letzten Ziel entgegen.
Impuls heute: "Dein ist das Reich und die Herrlichkeit in Ewigkeit"
Aufgaben: - einen Gegenstand als Zeichen der Herrlichkeit finden
- in welcher Form wir die Herrlichkeit des Lebens
erfahren haben
- persönliches Lebensmotto
Schweigen und Regen im Wald.
Austausch in und um eine Hütte am Waldrand mit Blick auf den mächtigen Kaliberg!
Wir haben uns Stühle organisiert und sitzen in der Runde. Mein Gegenstand ist Wasser. Ohne Zweifel habe ich sofort daran gedacht!
Mein Lebensmotto? Ich freue mich, dass ich bin! Erst zu Haus habe ich dazu das passende Gedicht von Mascha Kaléko gefunden:
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.
In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Das alles so erstaunlich bleibt und neu!
Ich freu mich, dass ich... dass ich mich freu.
Und gerade in dieser einen Woche habe ich diese Leiter von der Erde in den Himmel gespürt!
Kirsten hat die ganz besondere Gabe im Vorbeigehen auf Wald- und Wiesenwegen 4blättrige Kleeblätter zu finden. Es erstaunt uns alle immer wieder, wie sie das macht! Und so sammelt sie täglich fünf bis zehn davon und verschenkt sie weiter. Wann hatte ich das letzte Mal ein vierblättriges Kleeblatt in der Hand? Und so lege ich es behutsam in mein Pilgerheft, damit es auch ganz bestimmt als Erinnerung mit nach Haus genommen werden kann!
Wir gehen noch einen Teerweg entlang Richtung Ransbach.
Dort werden wir von Glockengeläut empfangen. Wegen Regen drängeln wir uns alle in die Kirche. Der Pfarrer erzählt uns von dem eigentlich alten Gebäude, das neu restauriert wurde und wunderschöne bunte Fenster zu biblischen Themen bekommen hat. Als Geschenk bekommt jeder von uns ein Foto mit auf den Weg. Das Osterfenster mit dem Dornenkranz und ganz viel hellem Licht gefällt mir am besten, und zufällig bekomme ich gerade dieses Foto!
Wir alle stellen uns vor den Altar und singen "Vater unser Vater" dreistimmig. Ingrid dirigiert, und es macht riesige Freude!
Wegen der schlechten Wetterlage fragen wir höflich an, ob wir vielleicht die Mittagspause im Pfarrhaus machen könnten.
Herzlich werden wir eingeladen und bedienen uns an den heißen Getränken, die für uns bereitstehen. Ansonsten sind wir ja Selbstversorger und heute geht es daran, alle Reste zu vertilgen...
Gegen 14.00h ist Aufbruch. Der Regen ist verschwunden und wir sind gut gelaunt auf unserer letzten Etappe!
Zuerst auf Wald- aber auch auf geteertem Weg geht es eine kurze Strecke durch Thüringen, entlang der ehemaligen Grenze, dann wieder zurück nach Hessen. Eine letzte Pause mit unserem Verpflegungswagen: Kaffee und Kuchen! und die Füße ausstrecken am Wiesenrand.
Letzte Wegstrecke. Noch 3km bis Philippsthal. Wir überqueren singend die Brücke über die Werra, dann sehen wir auch schon unser Ziel: das Gemeindehaus.
Dort angekommen umarmen wir uns alle und wünschen uns "Pilgerheil", das hat Uda sich ausgedacht!
Sabine, Manfred, Elisabeth und Horst gehen heute Abend schon. Wir anderen holen noch einmal die Koffer und Taschen aus dem Auto um schwimmen und duschen zu gehen.
Um 19.00h ist gemeinsames Abendessen und die offizielle Begrüßung durch die Pfarrerin. Mit dem Artikel für die Zeitung wird es heute schwierig, weil Philippsthal ein Untertageort ist, um 4 Uhr morgens aufgestanden wird, und um halb zehn am Abend nichts mehr zu machen ist! Also muss sich unser Zeitungsteam etwas sputen. Aber unsere junge Truppe nimmt diese Herausforderung gerne an! Und natürlich sind sie rechtzeitig fertig!
Das Essen ist oberviel: es gibt Fleischkäse und leckere Salate dazu. Als Getränke stehen Wein und Bier mit auf dem Tisch!!!
Nach dem kollektiven Abräumen gehen die Kirchenschläfer mit Gepäck Richtung Kirche los, die Zurückgebliebenen dürfen sich um den Abwasch kümmern! Der Weg ist ziemlich weit, eigentlich nicht wirklich, es ist eher das schwere Gepäck! Nach 10Minuten sind wir da. Der Ort hat eine Schlossanlage mit einer wunderschönen Kirche, die teilweise noch restauriert wird.
Es gibt jede Menge Platz zum Schlafen, also richten wir uns schon mal ein...
Heute nächtigen wir unter einer wunderschön bemalten Holzdecke und einem die Hände zum Segen erhobenen Jesusbild.
Allerdings wird das zu Bett gehen auf ziemlich spät verschoben! Heute ist Party angesagt!
Im Gemeindehaus treffen wir uns wieder alle zum Abendmahl feiern. Der Wein ist schon vor längerer Zeit in den Kelch gefüllt worden, und die Fliegen darin zu beschwipst, um herauszukommen. Aber als er mir gereicht wird, ist nicht mehr viel Wein darin und die Fliegen verschwunden!
Nun kommt die Generalprobe: "Vater mein Vater" dreistimmig! Ausbaufähig, wie Ingrid es ausdrückt!
Anschließend Party! Das Organisationsteam muss sich zum letzten Mal besprechen, und bittet uns, noch etwas Alkoholisches übrig zu lassen. Könnte klappen!
Bis halb zwei sitzen wir gemütlich beisammen und erzählen, tauschen uns aus. Als der erste Teil (zu dem ich mitgehöre) Richtung Kirche aufbricht, ist sogar die Straßenbeleuchtung noch an! Ziemlich müde und angeschwipst falle ich in meinen Schlafsack. Schließlich muss in wenigen Stunden die Kirche wieder tipp topp für den Gottesdienst hergerichtet sein!
SB
12.08.07
Ute wird als Erste wach!
Sie ist um halb vier ins Bett und zwei Stunden später wieder aufgestanden. Weil wir uns heute das Frühstück selbst machen müssen, hat sie schon mal losgelegt. Ohne einen Blick auf die Uhr zu werfen, hat sie sich gewundert, dass niemand zu Hilfe kommt, wo sie uns doch so gelobt hatte, wie fleißig wir immer dabei sind. Dass unser gemeinsames Frühstück erst um 8.00Uhr stattfinden sollte, und sie mehr als eine Stunde zu früh dran war, hat sie erst gemerkt, als sie in der Küche von anderen Frühaufstehern aufgespürt wurde!
100 frische Brötchen, das letzte gemeinsame Morgengebet, das letzte gemeinsame Essen, der letzte Gottesdienst!
9.25h sitzen wir zusammen mit ein paar Gemeindemitgliedern in der Kirche. Ulrike spielt die Orgel. Gestern Abend und heute Morgen hat sie schon geübt, weil es eine gewaltige Anlage ist mit super vielen Registern, wie sie sie auch noch nicht kannte!
Sie macht es grandios, und bekommt später (nach dem Gottesdienst) noch einen Riesenapplaus von uns allen!
Günter hält die Andacht und lässt unsere Woche noch einmal Revue passieren. Emotionen steigen aus dem Nichts an die Oberfläche, bei uns allen und auch bei ihm!
Wir singen am Schluss noch einmal "Vater unser Vater" vor dem kleinen Publikum, aber eigentlich für uns...
Danach begleiten wir die Kirchenbesucher singend vor die Tür.
Wir sammeln uns kurz in der Sonne vor dem Gemeindehaus um gegen 11.00h das End-Feedback zu halten.
Es ist ziemlich aufreibend.
Verabschiedungen, Umarmungen, liebe Wünsche auf unserem Weg... und bis zum 2. November!
Ute bringt Marlene, Reinhold, Lothar und mich zum Bahnhof nach Bad Hersfeld. Ihr Combi ist so voll Gepäck, das er gerade so zu geht!
13.29h fahren wir ab.
Alles endet, Neues beginnt...
SB