Pilgertagebuch 2008

Zeitungsberichte vom Pilgern 08

Bericht vom 19.7.08
Tag 1

Ein gelungener Einstieg

Ein gemütliches Einlaufen sollte es werden, die 13 km unserer ersten Etappe von Marburg nach Dilschhausen, doch leider kam uns das Wetter dazwischen: Regen und Sonnenschein wechselten in so rascher Folge, dass die Mechanik unserer Regenschirme einer ersten Belastungsprobe ausgesetzt wurde. Die Besucher im Restaurant Dammühle staunten nicht schlecht, als 50 Pilger den Biergarten durchquerten um ihrer Route durch das Marburger Land zu folgen. In Dilschhausen angekommen, zogen wir unter Glockengeläut in die äußerlich wuchtig wirkende, aber innen sehr familiäre, schöne Kirche ein. Dort erwartete uns bereits Pfarrerin Christiane Kunkel. Von ihr lernten wir, dass die Dilschhäusener in der Kirche noch weitgehend die nach Stockwerken geregelte Geschlechtertrennung praktizieren. Im Bürgerhaus wurden wir aufs Herzlichste empfangen und bewirtet. Das Thema unserer Pilgerreise war bis dato ein gut gehütetes Geheimnis, wurde uns aber dann endlich im Gottesdienst offenbart: die Perlen des Glaubens, ein evangelisches Perlenband, werden uns auf unserem Weg begleiten. Jede Perle spricht ein wichtiges Lebensthema an, zum Beispiel die Perle der Nacht mit der Frage „wovor habe ich Angst“ oder die Perle der Gelassenheit, „Was möchte ich in meinem Leben loslassen?“. Höhepunkt des Abends war das Basteln eines eigenen Perlenbandes, das uns allen noch feinmotorische Meisterleistungen abverlangte.

Mitwirkende am Text: Feline Tecklenburg, Klara Schiefer, Kathrin Schulz, Jonas Bahr, Lukas Lölkes, Benedikt Wagner und Michael Fröhlich
 
Tag 2

Pilger im Paradies!

Überwältigende Gastfreundschaft in Simmersbach

Es ist nicht leicht, einfach zu leben, wenn man solche Gastgeber wie die evangelische Gemeinde Simmersbach hat. Doch bevor wir in den Genuss einer außerordentlich herzlichen Gastfreundschaft kamen, mussten wir die 25 km von Dilschhausen nach Simmersbach zurücklegen. Der Tag begann mit strahlendem Sonnenschein und einem Impuls zu dem Thema der „Ich-Perle“ des evangelischen Perlenbandes, das uns begleitet: Wir fragten uns: Was macht einen jeden von uns besonders? Dabei wurde schnell klar, dass unser eigenes Ich sich immer nur in der Begegnung mit anderen (mit einem „Du“) entwickelt. Im zweiten Teil des Tages beschäftigten wir uns mit der „Tauf-Perle“ und gingen der Frage nach, wo wir alle einerseits aktuell Wertschätzung erfahren und was man andererseits tun kann um nicht zu sehr von der Wertschätzung anderer abhängig zu werden. Neben solch hochphilosophischen Fragen des Lebens fielen uns auch ganz simple Dinge am Wegesrand auf. So stellten wir zum Beispiel fest, dass im Marburger Land immer exakt vier Kühe eine Weide bevölkern. Der tiefere Sinn? - Er blieb uns verschlossen. Unser Weg führte uns aber nicht nur an Kuhweiden vorbei, sondern leider auch unmittelbar vor Simmersbach entlang der Leitplanken der stark befahrenen Kreisstraße XY. Ein Stück sehr gefährlicher Streckenführung des Jakobsweges! Nach solchen schweißtreibenden Abenteuern erlebten wir dann doch noch eine große Überraschung: Die Simmersbacher hatten im Nu „Duschpaten“ organisiert, die immer vier bis fünf Pilger mit nach Hause nahmen und ihnen den Luxus einer heißen Dusche gönnte, bevor der Abend bei einem liebevoll hergerichteten gemeinsamen Abendessen ausklang.


Mitwirkende am Text: Feline Tecklenburg, Klara Schiefer, Kathrin Schulz, Jonas Bahr, Lukas Lölkes, Benedikt Wagner und Michael Fröhlich
 
Tag 3


Tauchgang statt Pilgerweg

Die 50 Pilger aus Baunatal und Marburg lassen sich auch durch Dauerregen nicht entmutigen.

Der heutige Tag verlangte viel Durchhaltevermögen: 28 km lang Dauerregen auf der Strecke von Simmersbach nach Niederdielfen. Dazu „passend“ unser heutiges Thema: Wüstenzeiten in unserem Leben. Saint-Exuperys Erzählung vom kleinen Prinzen, der in der Wüste eine Schlange trifft, war der Einstieg in unser heutiges Nachdenken über die Wüstenperle unseres Perlenbandes. Die Frage nach persönlichen Wüstenzeiten, also Krisen-und Wendepunkten im Leben, berührte viele von uns sehr und führte zu einem intensiven Austausch. Wer aus einer solchen „Wüstenzeit“ wieder gut heraus findet, kann davon auch sehr profitieren, so die einhellige Meinung vieler Pilger. Auf den sonst üblichen zweiten geistlichen Impuls am Nachmittag verzichteten wir heute aufgrund des sintflutartigen Regens. Zu allem Überfluss kam das Wasser dann auch noch von unten: Unser Weg führte uns nämlich an der Dillquelle vorbei. Eine Kapelle am Wegesrand wurde zum Zufluchtsort vor den Wassermassen – allerdings nicht für alle: Einige stolperten doch glatt an ihren Pilgerschwestern und - brüdern vorbei und so wurden aus den Letzten dann tatsächlich doch die Ersten, die in Niederdielfen ankamen. Dort feierten wir zum ersten Mal nach reformierter Tradition das Abendmahl, bevor wir uns auf die Räume des modernen Gemeindezentrums verteilten, um den Schlaf der Gerechten zu schlafen.

Mitwirkende am Text: Feline Tecklenburg, Klara Schiefer, Kathrin Schulz, Jonas Bahr, Lukas Lölkes, Benedikt Wagner und Michael Fröhlich

 
Tag 4

Ganz schön lässig!

Pilger beschäftigen sich heute mit der Perle der Gelassenheit

Trotz der vergleichsweise kurzen Strecke von Niederdielfen nach Oberfischbach (20 km), kam uns der Weg aufgrund des anhaltenden Regens doppelt so lang vor. Dementsprechend willkommen war uns die Besichtigung der Simultankirche Rödgen, einer Kirche mit einem katholischen und einem evangelischen Kirchenschiff, verbunden durch einen gemeinsamen Glockenturm. In der Kirche erhielten wir unseren ersten Denkanstoß zum heutigen Thema „Gelassenheit“. Dazu hörten wir die Geschichte von Hans im Glück und erfuhren an seinem Beispiel, wie gut manchmal das „Loslassen“ tun kann. Das „Loslassen“ beziehungsweise „Gehen lassen“ von Gegenständen, Lebensabschnitten und Beziehungen, das zum Leben einfach dazu gehört. Auf dem Weg durch die Siegener Innenstadt stellten wir überrascht fest, dass wir durch unsere Pilgertour bereits zu einer gewissen „lokalen Größe“ geworden sind. Gleich mehrfach wurden wir interviewt und auf einen Radiobericht über uns am Morgen hingewiesen. Aber das weiterhin schlechte Wetter verhindert gottlob, dass wir die Bodenhaftung verlieren und uns allzu sehr in unserer „Berühmtheit“ sonnen.
Immerhin sorgt die kühle Luft für rosige Wangen – das sogenannte „Pilgerfieber“ – und versöhnt, insbesondere die weiblichen Pilger mit den derzeitigen klimatischen Verhältnissen.
Interessant auch, wie sich unsere Perspektiven auf die uns beherbergenden Gemeindehäuser verändert. Als wir erfuhren, dass die überaus freundlichen Oberfischbacher über ein mit Teppichboden ausgelegtes Gemeindezentrum verfügen, gerieten einige völlig aus dem Häuschen, da dies eine komfortable Nachtruhe verspricht.

 

 
Tag 5+6

Geheimnisse von Liebe und Nacht

Pilger nähern sich Köln und erleben spirituelle Höhen und Tiefen

Zwei sonnige Tage liegen hinter uns. Und mit der Rückkehr des Sommers liefen unsere Füße fast von allein auf den Strecken zwischen Oberfischbach nach Brüchermühle und dann weiter nach Drabenderhöhe. Auf der ersten Strecke beschäftigten wir uns mit den beiden Perlen der Liebe. „Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil.“, so heißt es in Khalil Gibrans Buch „Der Prophet“. Trotz mancher Verwundungen offen zu bleiben für die Herausforderung der Liebe und dafür die Kraft im Gebet zu suchen, wünschen wir uns. Die Betonung  der verschiedenen Gaben und das andere Gemeindeverständnis der jungen freikirchlichen Gemeinde in Brüchermühle, wo wir Unterkunft fanden, regten uns zu vielen Diskussionen an.
Bei dem strahlenden Sonnenschein des nächsten Tages fiel es uns nicht gerade leicht, über die Perle der Nacht zu meditieren. Jakobs nächtlichen Kampf am Flusse Jabbok versuchten wir in Kleingruppen mit unseren eigenen Erfahrung von Nacht und Finsternis zu verknüpfen.
Vielleicht lag es an diesem Thema, dass wir trotz kurzer Wegstrecke von 19 Kilometern bei der Ankunft in Drabenderhöhe ausgepowert waren. Der von Querflöte und Orgel untermalte Gottesdienst und Luthers Nachtgebet beschlossen einen rundum gelungenen Tag.

Mitwirkende am Text: Feline Tecklenburg, Klara Schiefer, Kathrin Schulz, Jonas Bahr, Lukas Lölkes, Benedikt Wagner und Michael Fröhlich

 
Tag 7

Auferstehung mitten im Leben - Das Ziel vor Augen

Die Pilgergruppe erreicht die ersten Vororte von Köln


Am vorletzten Tag unseres Weges nach Köln verändert sich die Landschaft zusehends: Aus den idyllischen Hügeln des Bergischen Landes kommend, wird es nun mehr und mehr städtisch und damit auch hektisch und laut. Als Wanderer, so scheint es uns, nimmt man diese Veränderungen, die sich Kilometer um Kilometer ergeben, mit wesentlich mehr Sensibilität wahr. Immer häufiger müssen wir auch große Straßen überqueren, was bei einer so großen Gruppe nicht ganz einfach und ungefährlich ist.
Bei all diesen Eindrücken begleitete uns heute die vorletzte Perle, die Perle der Auferstehung. Wir sprachen dabei über Bilder, Träume, Musik, die uns Hoffnung geben und unsere jeweiligen Vorstellung von einer Auferstehung. Dabei stellten wir fest, dass Auferstehung sich manchmal auch mitten im Leben ereignen kann: Z.B. Genesung nach einer schweren Krankheit, Versöhnung nach einem Streit, überstandene Rückschlage im beruflichen oder privaten Leben.
Aufgrund der großen Hitze qualmten uns auf den Teerstraßen ganz schön die Füße und wir waren dementsprechend erschöpft, als wir in Bensberg ankamen. Die Herren erwiesen sich dann als wahre Gentlemen, denn sie überließen den Pilgerschwestern klaglos die beiden einzigen vorhandenen Duschen im Gemeindehaus. Immerhin die Hälfte der Gruppe war also anschließend präsentabel, als unser abendlicher Gottesdienst begann. Passend zu unserem Thema feierten wir diesen in der sehr geschmackvoll und modern gestalteten Bensberger Auferstehungskirche. Als wir aus der Kirche traten, dann die Überraschung: In der Ferne, im Dunst der Großstadt, zwischen zwei Tannen hindurch schimmernd, zeichnete sich am Horizont die Silhouette des Kölner Domes ab. Unser Ziel ist in greifbare Nähe gerückt!